rudi-main

rudi logo100

das

Kultur- und Nachbarschaftszentrum

2016 - "Legenden vom Ostkreuz"

Legenden vom Ostkreuz

Eine Anthologie

rudi-logo

 

Ostkreuz
15 Jahre im Literaturwettbewerb

 

Es begann alles in einem kleinen und verlassenen Gemüseladen, in dem schon 1903 Brot und Schrippen gebacken und gleich nach dem Ende des schrecklichen 2. Weltkrieges Wäsche und Gardienen gebügelt und aufgehübscht wurden.

Mit der Wende 1990 verlor der Stadtteil zwischen Spree und Bahngleisen und Warschauer Straße und Ostkreuz etwa 9000 der benachbarten Arbeitsplätze. Viele der Anwohner waren persönlich davon betroffen. Der Kiez rund um den Rudolfplatz sollte und wollte natürlich weiterleben.

Das war auch Anliegen des Berlin- Brandenburger Bildungswerkes. Ein Projekt für die Gegenwart und Zukunft  -  "RuDi der Stralauer Kiezladen" wurde geboren. Lebenshilfe für den Alltag, für Ältere und Junge, für Kiezbewohner mit und ohne Arbeit, für Kinder und Jugendliche aus den benachbarten Schulen, für Bewohner jenseits der S-Bahngleise und für Flüchtlinge vor dem Krieg auf dem Balkan, das war das tägliche Brot, das nun im Kiezladen gebacken wurde.

Wegzug von Gewerbe und weitere Entvölkerung von Ladengeschäften, jahrelanger Straßenbau und böse Sprüche wie "Ostkreuz – Rostkreuz" waren Herausforderung, sich gegen diese Entwicklung zu stemmen. Ein Aufruf zum Fotowettbewerb und der Suche nach historischen Fotos aus Familienalben brachte erstaunliche Ergebnisse und über 20 sehenswert gestaltete Schaufenster. Auch die Politik merkte endlich auf und die vier Wohngebiete um das Ostkreuz in Lichtenberg und Friedrichshain wurden Fördergebiete für Euromillionen aus Brüssel. Urban II hieß nun das Zauberwort.

Ein winziger I-Punkt in dieser Phase, so dachten wir, könnte ein literarischer Schreibwettbewerb werden, vom RuDi initiiert und betreut.

Gemeinsam mit Manfred Bofinger, dem bekannten Karikaturisten, Buchillustrator und Autor, der gerade bei uns Plakate ausstellte, wurde aus der  Idee ein praktikables Konzept. Bofi übernahm, fast selbstverständlich, den Vorsitz der Jury und beglückte uns nach einer "Sonderschicht" für den RuDi mit dem genialen Logo, das auch den aktuellen Umschlag ziert. Er hatte uns offensichtlich in sein großes Herz geschlossen - den kleinen Laden mit den vielseitigen Angeboten und seine Besatzung. Denn gleich um die Ecke hinter der Elsenbrücke am anderen Spreeufer, in der Treptower Plesserstraße, tickte sein Kiez mit ähnlichen Nöten und Sorgen, aber ohne einen RuDi!

"Ostkreuz - zweimal täglich" war 2001 geboren und die Resonanz zum ersten Schreibwettbewerb war für uns so überwältigend, dass aus den Beiträgen unbedingt eine Broschüre für alle Teilnehmer entstehen musste. Bofi zeichnete die Preisträger aus und gab gleichzeitig den Startschuss für Jahrgang zwei. "Ostkreuz 2020" war das hoffnungsvolle Thema.

Auf diese Idee brachte uns Ilse Treue, Drittplatzierte des ersten Jahrgangs, mit ihrem Text "Blicke aus einem Haus, das es nicht mehr gibt". Sie spannte den Zeitzeugenbogen von 1949 bis in die Gegenwart und endete: "Sein Umbau (Bahnhof Ostkreuz) sowie eine freundliche Gestaltung des Wohngebietes würden wir gerne noch erleben." Diesen Wunsch hegt sie mit über 93 Jahren bis heute und ist mit fast ununterbrochener Teilnahme die älteste und treueste Verbündete des RuDi und das gilt nicht nur für diesen Wettbewerb.

Bofi hat die Texte mit Blick in die Zukunft nicht mehr lesen können. Er starb nach langem Ringen mit dem Tod 2006. Seine Lebensfreude, die Begeisterung vor allem für Kinder als Zeichen seiner Kunst wollten und werden wir im RuDi bewahren. Ein Besuch an seinem Grab auf dem Friedhof in Stralau mit der Marmorfigur eines lesenden Kindes ist nicht nur für mich immer wieder Gelegenheit, mich an einen herzensguten und stets hilfsbereiten Menschen zu erinnern.

Stellvertretend führte Helios Mendiburu, ehemaliger Bürgermeister von Friedrichshain, die Arbeit der Jury weiter und bereicherte mit seinen Vorstellungen den Schreibwettbewerb um das Ostkreuz für die nächsten Jahre.

Mit dem nun vorliegenden dreizehnten Band kann sicher von einer Tradition gesprochen werden, die bei Beginn des Vorhabens nicht in unseren kühnsten Träumen zu erwarten war. Es ist immer wieder erstaunlich, wie vielfältig das Leben rund um das Ostkreuz  literarisch beschrieben werden kann.

Gern habe ich der Bitte entsprochen, für diese abschließende Anthologie einen Rückblick zu unternehmen. Mit besonderer Freude las ich noch einmal die Vorworte, fast alle von meinem ehemaligen Kollegen Rainer Fischer, der nach meinem Ausscheiden die Organisation des Schreibwettbewerbes hauptverantwortlich und verdienstvoll weiterführte und ein Garant für den niveauvollen literarischen Anspruch war.

Viele Beiträge aus den Vorjahren erinnerten mich an turbulente Zeiten des politischen Alltags, die Beeinträchtigungen für die Anwohner durch den immer noch andauernden Umbau des Verkehrsknotens Ostkreuz und den Neubau der Modersohnbrücke, das Für und Wider der Verlängerung der A 100, die Neugestaltung des Lebens im Osthafen und  die Sanierung vieler Häuser und Wohnungen verbunden mit dem Zuzug neuer Kiezbewohner.

Und der Schreibwettbewerb hatte noch eine wertvolle Begleiterscheinung: Es bildete sich ein neuer Zirkel für Freunde der Literatur, in dem sich Interessierte trafen und sich gegenseitig und der Öffentlichkeit ihre neuen Texte vorstellten.

Für die lange Reihe der erschienenen Anthologien gilt allen Teilnehmern am Wettbewerb ein besonderer Dank, ohne ihre Texte keine Publikationen. Dank zu sagen ist den Sponsoren aus dem Umfeld des RuDi und der Jury, ohne die solch ein zu großen Teilen ehrenamtliches Projekt nicht lebensfähig bleiben konnte.

Ich wünsche dem jetzigen RuDi Kultur- und Nachbarschaftszentrum viel neue Ideen für eine noch lange und erfolgreiche Existenz und allzeit ein volles Haus mit zufriedenen Nachbarn und Besuchern.

Eberhard Tauchert
Leiter des RuDi von 1996 bis 2006

Designed by BBB e.V.