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Kultur- und Nachbarschaftszentrum

2012 - "Die Ostkreuz - Verschwörung"

Buch 2012 kl

 

Zehn Jahre Bauen und Schreiben am Ostkreuz

 

Als das Rudi, das damals, 2002, noch in einer ehemaligen Fleischerei – oder war es ein Gemüseladen? – am Rudolfplatz residierte und sich schlicht Kiezladen nannte, zum Schreibwettbewerb aufrief, konnte sich kaum jemand vorstellen, dass aus einem kleinen Projekt einer winzigen Arbeitsgruppe mit dem ambitionsgeladenen Namen "Bürgerbeteiligung" eine über die Jahre traditionsstiftende Institution und einer der alljährlichen Fixpunkte im Leben und Treiben des Rudi-Kiezkulturhauses entstehen würde.

Die Viertel südlich der Stadtbahn, auf der Friedrichshainer  bzw. Lichtenberger Seite der Ringbahn, als strukturschwach eingestuft, gehörten Anfang des Jahrhunderts zu einem EU-amtlichen Fördergebiet und genossen deren Fürsorge. Da der Bahnhof Ostkreuz auf der Grenzlinie lag, wurde er titel- und motivgebend für die Schreibwettbewerbe. Darüber hinaus hatte sich das Ostkreuz damals vehement ins Gespräch gebracht, weil aus dem Um- oder Neubau des Bahnhofs, von dem in den Jahren davor immer nur gemunkelt wurde, jetzt Ernst zu werden schien. Es kursierten die ersten computergenerierten Architektenträume vom neuen Ostkreuz. Für die einen war es reine Zukunftsmusik, andere fanden ihn aufgeräumt und sauber, aber hässlich und entdeckten nun, da der Abriss drohte, ihr Herz für den rostig-herben Charme des alten Bahnhofs. Dieser Widerstreit der Bilanzen zwischen Gewinn und Verlust hält bis heute an.

Die Organisatoren des ersten Schreibwettbewerbs hatten noch keinerlei Erfahrungen in diesem Metier, dieser Mangel musste mit viel Begeisterung für die Sache und doppeltem Eifer in den Kleinigkeiten kompensiert werden. Ein Glücksfall war, dass für den Vorsitz der Jury der Grafiker und Schriftsteller Manfred Bofinger gewonnen werden konnte. Sein untrügliches Gespür für gute Texte und seine emphatische, zuweilen präzeptorhafte Art, es an uns weiterzugeben, war prägend für das Konzept und die Struktur des Wettbewerbs. Aus ihm wurde mit der Zeit ein Art "Stil des Hauses", und der sollte sich dann als so robust erweisen, dass er den Schreibwettbewerb über all die Jahre – kleinere zeitgenössische Modifikationen inklusive – weitergetragen hat.

Bofinger zeichnete uns auch das Logo für den Wettbewerb, das seitdem jede Anthologie schmückt. Dank seiner fassten wir den Mut, im folgenden Jahr auch ohne ihn einen weiteren Wettbewerb auszurufen. Mit Ostkreuz 2020 sollte es diesmal um Zukunftsvisionen, Utopie oder Dystopien, gehen.

Die Titel der einzelnen Wettbewerbe, die zugleich einen Themen- und Motivrahmen für die Beiträge setzen, wurden in intensivem Brainstorming und langen Debatten mit noch längeren Denkpausen dazwischen gefunden. Da gab es das Thema, zu denen jedem Schreiber und jeder Schreiberin sofort etwas eingefallen wäre, andere erwiesen sich als schwieriger.

Obwohl sich dann niemand darüber wunderte, konnte man es als schönes, optimistisches Zeichen deuten und erwähnen, dass der Wettbewerb unter dem Titel Liebe am Ostkreuz (2005) der mit der größten Resonanz war. Zur Liebe am Ostkreuz hatten siebenunddreißig Autorinnen und Autoren etwas zu sagen.

Wenn es nicht ein wenig ungerecht gegen alle Übrigen wäre, bekennte ich hier: Meine Lieblings-Anthologie – die mit den frappierenden Texten darin – sind Warten am Ostkreuz (2006), Ostkreuz im Nebel (2007) und Das Ostkreuzspiel (2008).

Wer den kleinen Stapel der Ostkreuz-Anthologien einmal durchgeht, wird leicht feststellen, dass darin Texte recht unterschiedlicher literarischer Qualität versammelt sind. Die Frage, ob es dem Bild des Wettbewerbs nicht zuträglicher wäre, wenn in den Büchern nur die besten Texte erschienen, kam in den letzten Jahren immer wieder auf, wurde diskutiert und dann letztlich doch verneint. Dies ist ein Wettbewerb der Amateure, hier treffen sich Leute, die es einfach lieben etwas aufschreiben und Freude daran haben, sich Geschichten ausdenken. Ich hätte nichts dagegen, unter den eingehenden Texten ein literarisches Genie zu entdecken oder die Erstveröffentlichung des Nobelpreisträgers von 2055 entgegenzunehmen, aber das ist nicht das Ziel dieser Wettbewerbe. Schreiben ist ein Vergnügen und zugleich ein hartes, einsames Geschäft. Und jeder, der dieses Mühsal auf sich nimmt, einen Text produziert und den Mut hat, ihn einem fremden Leser auszusetzen, verdient unser aller Respekt. Und so bleibt es dabei: die Anthologien versammeln alle eingegangenen Texte.

So ein Jubiläum ist auch eine Gelegenheit, einmal ausdrücklich das zu sagen, was im Alltagsgeschäft so leicht untergeht: Danke!

Ein Dank dem Veranstalter, das Rudi-Nachbarschaftszentrum, dem noch jedes Jahr mitunter schwierige Finanzierung dieses Projekts gelang und ohne dessen Infrastruktur und Hardware, dessen netzwerkliche Verbindungen und Erfahrungen in praktischere Problemlösung das Ostkreuz-Projekt nicht zu dem hätte werden können, was es ist, zumal wenn gelegentlich die Termine eng und die Schwierigkeiten groß wurden.

Den Fachfrauen und –männern  in der Jury, die den Wettbewerb mit ihrem Kenntnisreichtum ehrten und sich die Wahl niemals leicht machten.

Den Meister der schwarzen Kunst, die – gemessen an unseren ausgefallenen Extrawünschen und der mitunter unfachgerechten Konfusion, mit der wir sie vorbrachten – erstaunlich selten die Fassung verloren.

Und nicht zu letzt sie, die Autorinnen und Autoren, ohne die das alles Nichts wäre. Unter ihnen gibt es einige, die immer wieder dabei sind, sogar von Anfang an, und schon zur virtuellen Ostkreuz-Familie gehören. Danke.

Die vorliegende, zehnte Anthologie nun ist den Ostkreuz-Verschwörungen gewidmet, und es war erstaunlich zu lesen, welch unterschiedliche Begriffe man von diesem Wort haben kann: stille Zweierverschwörungen auf dem nächtlichen Bahnhof, die massenhafte Verschwörung einer Nagerspezies, die ihr angestammtes Biotop mit ausgeklügelten Terroraktionen verteidigt, die Ostkreuz-Akademiker, der wohl sämtliche einschlägigen Verschwörungstheorien verinnerlicht hat und sie in einem nicht enden wollenden Redeschwall über einen arglosen S-Bahn-Reisenden ergießt oder der kabbalistische Buchstaben- und Primzahlenversteher, der sich mit seinen Rechenkünsten in eine tragisch endende Paranoia stützt… . Viel Stoff für eine verschworene Ostkreuz-Schreiber-Leser-Gemeinschaft!

 

Rainer Fischer Berlin, im September 2012
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