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Kultur- und Nachbarschaftszentrum

2010 - "Augenblicke am Ostkreuz"

Buch 2010

 Zu diesem Buch

 

Ein jeder von uns kennt das: Im Leben gibt es Augenblicke, die, noch während sie geschehen, bereits jenes Pathos haben, mit dem wir uns dann künftig an sie erinnern werden. Da geschieht etwas und noch während wir es erleben, wird uns klar: Dies ist ein bedeutender Augenblick, das darf nicht vergessen werden und das werde ich nicht vergessen.

Literaten nennen das die Evidenz des Augenblicks. Und in unserer Hemisphäre sind wir darin eingeübt, sie in mythologische Bilder zu kleiden: als Heilung, als Vision, als Naturspektakel, als Epiphanie. Dabei können es kleine, völlig alltägliche Dinge sein, die das bewirken. In Peter Handkes "Stunde der wahren Empfindung" erblickt der Held in seiner großen Verzweiflung plötzlich drei Dinge zu seinen Füßen: ein Kastanienblatt, eine Scherbe eines Taschenspiegels und eine Kinderzopfspange. Schon lange hatten sie so unbeachtet dagelegen, doch jetzt, mit einem Mal, bedeuteten sie etwas, wurden zu Wunderdingen, die mit der Wundern gebotenen undeutlichen Klarheit verkündeten: He, Mann, wer sagt denn, dass die Welt schon entdeckt ist? Also, worauf wartest du?

Und in seinem Buch "Paare Passanten" erinnert uns Botho Strauß an etwas, was wir alle schon erlebt haben: wie in der formlosen Masse der auf dem Gehsteig an uns Vorüberziehenden ein einzelnes Gesicht aufscheint, das uns schon von weitem in seinen Bann zieht, das uns etwas verheißen will, worauf wir gewartet haben, ein Gesicht, dessen Nachbild in uns weiter zittert, auch wenn es schon längst vorübergezogen ist. Der so Erschütterte wüsste nicht zu sagen, was gerade geschehen ist. Aber sein Gang wird mit einem mal kräftiger, sein Mut froher, seine Gedanken werden klarer, und sei es dies auch nur für eine Zeit lang.

Die Arbeit des Erzählens, des Schreibens besteht nun darin, die Wucht des Augenblicks, das Erschauern, dieses plötzliche Innewerden geschickt in ein erzählerisches Kontinuum einzuweben und möglichst unverdünnt an den Leser weiter zu geben. Das vorliegende Buch bringt einige bemerkenswerte Versuche, beides zu vereinen: eine Geschichte zu erzählen und den Kairos beim Schopfe zu packen.

Augenblicke sind wie Fotografien. Eine Fotografie ist angehaltene Zeit und sie sagt uns — seltsam — vor allem dies: dass die Zeit vergeht und wir ihr nicht entrinnen können. "Verweile doch, du bist so schön", sagt Faust und ist dabei, sich um Kopf und Kragen zu reden. Und doch: Die Augenblicke sind es, die unserem Erinnern eine Struktur, eine Richtung geben.

Dies ist nun die achte Anthologie, die die Texte eines Literaturwettbewerbs, den das Rudi-Nachbarschaftszentrum seit 2002 alljährlich ausruft, versammelt. Mit den sehr unterschiedlichen, sich aber dennoch in gewisser Weise immer wieder überschneidenden Themenstellungen bieten sie, wenn man zurück blickt, ein vielschichtiges Bild des Lebens und Treibens an einem ganz konkreten Ort in Berlin mit dem Ostkreuz als Epizentrum großstädtischen Bebens. Und wir alle sind gespannt, wohin uns das noch führen wird.

 

Rainer Fischer Berlin, im Oktober 2010
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