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Kultur- und Nachbarschaftszentrum

2009 - "Die Träumer vom Ostkreuz"

Buch 2009a

 

Zu diesem Buch
Von Rainer Fischer

 

Träumen und Ostkreuz gehören zusammen, sogar wenn das Träumen nicht ausdrücklich Thema des Wettbewerbs ist, wie vor drei Jahren, wo der Erzähler in Warten auf Maria auf einen disparaten Zeitreisenden trifft: "Ja, ja, das Ostkreuz war schon immer ein Ort für Träume, es inspiriert ungemein, regt die Fantasie an, macht geradezu high."

Mit diesem Literaturwettbewerb nun wurden die Schreibenden ausdrücklich zum Träumen eingeladen. Und was dabei Erstaunliches herausgekommen ist, sehen wir in dem Vorliegenden. In den meisten der hier versammelten Texte nehmen die Träume der Protagonisten ihren Anfang in etwas ganz Alltäglichem. Der Alltag scheint uns unentwegt Sprungbretter in den Weg zu legen, von denen aus wir uns, wenn wir nur beherzt genug sind, in die skurrilsten und buntesten Träume stürzen können.


Von Träumern zu erzählen, heißt auch, von deren Scheitern zu erzählen, das ist offenbar unvermeidlich. Träume fliegen hoch, bunte Seifenblasen, und zerplatzen schließlich an einer kruden, traumfeindlichen Wirklichkeit. Aber Träume werden nicht wertlos oder überflüssig, weil sie der Realität nicht standgehalten haben. Träume sind das was unseren Wünschen eine Richtung gibt. Ohne sie wären wir Lebewesen ohne Transzendenz.

Leute ohne Träume nennen sich Realisten, ein Euphemismus: "Ja, ja, träume nur weiter", sagte die Mutter zu dem Fünfjährigen, der gerade eben sein Berufsziel, Lokomotivführer, verkündet hatte.

Für ein Kind sind Lesen und Träumen dasselbe. Deshalb machte es auch nichts, dass die allermeisten Bücher meiner Kindheit rein gar nichts mit der mich umgebenden Wirklichkeit zu tun hatten. Beim Lesen wurde ich Odysseus, Siegfried, Phillipp Marlowe, Tarzan, Kapitän Nemo und Daniel Düsentrieb und erhielt so, träumend, einen Begriff, eine vage Ahnung davon, was Welt ist.

Die echten Träume, die uns im Schlaf widerfahren, enthalten, so bizarr und aberwitzig ihr Plot auch immer sein mag, diese zwei Grundmuster menschlicher Erfahrung: das vergebliche Ringen um eine Sache bzw. das Geschehenlassen von etwas.

Aber Träume können, wenn sie millionenfach geträumt werden, durchaus die Wirklichkeit verändern. "I have a dream", rief Martin Luther King 1963 in Washington aus. Ein gutes Jahr später war die Rassentrennung in den USA endlich aufgehoben, jedenfalls gesetzlich.

 

Träume, auch Ostkreuzträume, sind stets Zeit- und Ortsverschiebungen. Es gibt vorwärts und rückwärts gewandte Ostkreuzträume. Die vorwärts gewandten sind meistens computergeneriert und voll Verheißungen von Komfort, Bequemlichkeit, Sauberkeit und Effizienz, also all dem, was das alte Ostkreuz nicht hat. Wie es aussieht, werden diese Träume der Architekten, Ingenieure und Planer irgendwann Wirklichkeit. Und es gibt heute schon Leute, die den Verlust ihrer alten Ostkreuzträume, der unvermeidlich ist, beklagen. Bleibt zu hoffen, dass es neue Ostkreuzträume geben wird. Aber das wäre dann ein anderes Buch.

 

Berlin, im November 2009

„Ostkreuz - Schreib-
wettbewerb 2002 bis 2016“

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