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Kultur- und Nachbarschaftszentrum

2008 - "Das Ostkreuz-Spiel"

Buch 2008

 

Zu diesem Buch
Ein Vorwort

 

Als im Spätherbst 2007 der Aufruf zu diesem Schreibwettbewerb erging, hielten viele der interessierten Schreiberinnen und Schreiber das Thema für eine gute Idee; aber nur wenig später konnte man auch Stimmen vernehmen, die – etwas kleinlauter – das Ostkreuz-Spiel für zu schwierig, zu kompliziert hielten. Spiel – das klingt beim ersten Hinhören nach Leichtigkeit und Unernst. Aber dann ist es in der Tat so, dass die Ambiguität des Wortes Spiel zunimmt, je mehr Sätze mit diesem Wort einem in den Sinn kommen: Das Spiel machen. Spielchen spielen. Was wird hier gespielt? Das ist doch kein Spiel! Aus Spiel wird Ernst und umgekehrt. Alles nur gespielt. Das Spiel ist aus! Spiel 's noch einmal, Sam! – Und schon ist man mittendrin in einem komplexen Wort-Spiel, in dem es um das Wort spielen geht.

Die ältesten Gesetze der Welt sind Spielregeln.

Das Spannende am Spiel ist dessen ungewisser Ausgang. Und selbst im Siegen und Gewinnen ist man mitunter nicht ganz sicher, ob es sich wirklich gelohnt hat. Die Pyrrhussiege, die Danaergeschenke, jeder kennt das. Wir spielen, wenn wir Mutmaßungen über den Ausgang künftiger Ereignisse anstellen oder Details vergangener Ergebnisse modifizieren, um zu sehen, was dann dabei herausgekommen wäre: das Was-wäre-wenn-Spiel oder das Es-ist-nicht-so-wie-es-aussieht-Spiel oder das Nehmen-wir-mal-an-Spiel. Oder wir kombinieren spielerisch scheinbar disparate Dinge wie Mozart und Osterglocken, wie eine Ringbahnfahrt und Beethovens Dritte Sinfonie. In einer anderen Geschichte in diesem Band werden die Fabelwesen aus älteren Ostkreuzgeschichten zitiert und zusammengebracht: ein sprechendes Hündchen, ein Zeitung lesender Fuchs, Gleismännlein und Ostkreuzmännlein. In einer anderen Geschichte lässt der Erzähler die recht skurrile Personage seiner früheren Ostkreuz-Literaturversuche kritisch Revue passieren.

 

Spielen, schreiben – über das Spielen schreiben, da ziehen auch schon die großen Spieler der Weltliteratur an uns vorüber, von Dostojewskis unglücklichem Aleksej, der das Spiel als Herausforderung des Schicksals und als Lust an der Selbstzerstörung erlebt und daran krank wird, über den wahrhaft kosmologischen, an schierer Größe scheiternden Glasperlenspielen des Magister Ludi Josef Knecht bis zu Borges' "Die Lotterie von Babylon", wo die Versuche der lotteriebesessenen Babylonier, Zufall und Glücksstreben in einen gesellschaftlichen Zusammenhang zu integrieren, schließlich die groteskesten Blüten treiben. Schiller indes hatte wohl Höheres im Sinn, als er den Homo ludens zur Krone der Schöpfung ernannte. In seinem 15. Brief "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" heißt es: "… der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur ganz Mensch, wo er spielt."

Spielen, das ist kein Kinderkram, so viel ist sicher. Kinder lernen etwas über die Wirklichkeit, indem wir ihnen Nachbildungen aus der Wirklichkeit als Spielzeug in die Hand geben. Der Erwachsene wähnt sich über das Alter des Spielens hinaus, dabei unterscheidet er sich vom Kind nur dadurch, dass sein Spiel auf ein anderes Objekt gerichtet ist: es ist die Wirklichkeit selbst. Erst im Spiel macht die Wirklichkeit uns Vergnügen, wird sie uns vertraut, fühlen wir uns in ihr zu Hause.

Für einen Bergsteiger ist das Klettern ein Spiel mit sich selbst, zwischen seinem Geist, der zum Gipfel will, und seinem Körper, der das durchaus nicht will.

Der Feind des Spielerischen ist die Gewohnheit. Die Gewohnheit sagt: Das habe ich schon immer so getan. Im Spiel jedoch wird nichts so gelassen, wie es ist. Da heißt es: Mal sehen, ob es nicht anders besser getan werden kann. Ist die Gewohnheit ein konservatives Herangehen an die Aufgabe, uns die Welt zutunlich zu machen, so ist das Spiel ein revolutionäres.

 

Und zu diesem Spiel gehört letztlich auch das Schreiben selbst. Wenn Literatur, Kunst überhaupt, Vorahnung der Wirklichkeit ist, dann ist sie auch ein Spiel mit der Wirklichkeit. Sie liefert uns, den Lesenden, die sich an diesem Spiel beteiligen, den Spiel-Raum. Und sie liefert uns die Regeln dazu. Denn ohne Regeln könnten wir mit der Wirklichkeit nicht spielen. Wir hätten verspielt.

Wir wünschen diesem Buch recht viele spielfreudige Leserinnen und Leser.

 

Rainer Fischer Berlin, im Juni 2008

„Ostkreuz - Schreib-
wettbewerb 2002 bis 2016“

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