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Kultur- und Nachbarschaftszentrum

2007 - "Ostkreuz im Nebel"

Buch 2007
 

 

Zu diesem Buch

Vorwort von Anneliese Löffler

Eines Tages im vergangenen Herbst erging die Bitte, über den Nebel am Ostkreuz zu schreiben. Die Einlader dachten an Geschichten zum Träumen und zum Fürchten, an Wunderbares und an Magisches, und mancher mag auch noch die Schwaden in Erinnerung haben, die uns in alten Kriminalfilmen entgegen wabern.

Die Phantasie der Schreiber bekannte sich zu diesen Erwartungen, weitete sie aus und das leichtfüßige Spiel mit dem neblig umhüllten Ereignis schob sich in den Vordergrund. "Ich stelle mir bei Nebel immer vor", so heißt es in einer Arbeit, "ich wäre in einem fremden Land und müsste die Umgebung um mich herum erstmal erkunden". Das Geheimnisvolle reizte, der Ort selbst trat recht oft zurück, erschien vorwiegend in Zeichen wie Gleisen, Zügen, Bänken und Turm, erzählt wurde der aus der Erinnerung geholte Vorgang, durchsetzt und verfremdet mit dem nebulösen Gewebe.

Die Texte gleichen sich kaum, und diese Eigenart ist als Vorzug der Sammlung hervorzuheben. In einer der Geschichten wird gleich massenhaft künstlicher Nebel erzeugt, weil es wünschenswert ist, einem Bau-Betrüger die Hände zu binden. Anderswo legt sich der Nebel nahezu schmeichelnd über das Gelände, weil zwei sich finden sollen, die — vielleicht — zueinander gehören. Eine andere Geschichte lebt von der Idee, dass es oft doch einer dank des Nebels geheimnisvoll auftretenden Kraft bedarf, um endlich wieder der eigenen Identität zu trauen. Recht oft, so ist zu spüren, will ein Erzählender von ein, zwei, also von nur wenigen Vorgängen erzählen, die sich jedoch, so ist zu spüren, tief in sein Gedächtnis eingegraben haben. Meist ist die Begebenheit nur karg, hat aber tiefe Spuren hinterlassen. Einer Frau will die weiße Hand nicht aus dem Sinn, die zu einem Motorradfahrer gehörte, dessen Leib nach einem tödlichen Unfall verdeckt wurde.

Erstaunlich ist die Vielzahl der literarischen Möglichkeiten, die in den Einsendungen erprobt wurde. Wir lesen von den Tagen und Jahren einer glücklichen Gemeinsamkeit, die der Schreiber seinen Enkeln überantworten will. Ganz anders begegnet uns der Bericht einer jungen Frau, die vor Jahr und Tag in die Welt zog und — zurückgekehrt — ganz neu den ihr gemäßen Ort suchen muss. Dieser mehr von Reflexionen geprägten Schreibart tritt die Story zur Seite, die eher den Fakten der Ereignisse folgt, einen Kriminalfall erhellt oder den Alltag eines eher im Verborgenen lebenden Menschen zu ergründen sucht. Schwerer zu folgen ist einer Darstellung, die darauf baut, das Menschliche durch eine Mensch-Maschine zu ersetzen.

Der Aufforderung, erneut am Schreibwettbewerb rund um das Ostkreuz teilzunehmen, sind so viele Menschen gefolgt wie nie zuvor. Dieser Vorzug verbindet sich mit der Lust und dem Spaß der Schreibenden, sehr vielfältig all jene Mittel zu nutzen, die in der Literatur unserer Tage herausgebildet worden sind. Wir finden die gut durchdachte und komponierte Geschichte ebenso wie die grüblerisch und phantasievoll gepflegte Nacherzählung des eigenen Erlebnisses. Essayistische Streifzüge durch die eigene Welt der Empfindungen und Gefühle sind ebenso vorhanden wie die einfachen Nachrichten über einst oder heute Erlebtes.

Ein besonderer Vorzug der vorgelegten Arbeiten ist der erfreulich oft gehandhabte Umgang mit den Chancen der phantastischen Figuren-, Bild- oder Kompositionswelt der Literatur. Das Märchen scheint die besondere Vorliebe der Autoren zu genießen, märchenhafte Details finden sich in fast jedem Werk der Anthologie. Zwerge, Gnome und andere Fabelwesen tummeln sich zuhauf, und manche Handlung oder Erörterung wird durch einen Ausflug ins Phantastische bereichert.

Ostkreuz, der Bahnhof, wird natürlich auch in dieser Anthologie zum Tummelplatz vielzähliger Ideen und Gedanken. Er zeigt sich als Ort, den Menschen als Kreuzpunkt ihrer Lebensvielfalt erkennen und erfahren. Manchmal ist ein nostalgischer Hauch zu spüren, was kommt, wenn sich der Ort großflächig durch den Umbau verändert, das wird wohl der literarischen Erkundung noch harren, aber zweifelsfrei eine Herausforderung sein.

Literatur zu schreiben, sich also des eigenen Lebens und der eigenen Erfahrungs- und Gefühlswelt zu vergewissern, ist eine der wohl besten Formen, sich selbst zu finden und zu erkennen, wie auch sich dem Menschen neben sich mitzuteilen. Der jetzt vorliegenden Anthologie mögen noch viele folgen.

Berlin, im April 2007

„Ostkreuz - Schreib-
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