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Kultur- und Nachbarschaftszentrum

2005 - "Liebe am Ostkreuz"

Buch 2005
 

 

Zu diesem Buch

 

Diese Anthologie ist der Ertrag eines Literaturwettbewerbs, den die Nachbarschaftseinrichtung RuDi, gemeinsam mit ihren Partnern, nun schon zum dritten Mal ausgerufen und — dank der schreibenden Mitbürgerinnen und –bürger — zu einem glücklichen Ende gebracht hat. Von einer Tradition zu sprechen, wäre übertrieben, aber wer auf Knalliges versessen ist, könnte das vorliegende Buch als dritten Band einer Ostkreuz-Trilogie ansehen. Und zumindest die eine skeptische Frage, ob dieser wohl größte, aber sicherlich nicht ansehnlichste Nahverkehrsknotenpunkt Berlins literarisierbar ist, als literarischer Topos überhaupt in Frage kommt und "etwas hergibt", dürfte sich nunmehr hinreichend beantwortet haben.

Nach dem Alltag von Ostkreuz, zweimal täglich (2002), den hoffnungsvollen oder bangen Blicken zurück in die Zukunft von Ostkreuz 2020 (2003) kommt nun mit Liebe am Ostkreuz das Sehnen und Suchen und wieder Verlieren und weiter Suchen, das Ein und Alles, kurz: die Magie zum Wort.

 

Über die Liebe schreiben, also sich erinnernd davon erzählen, heißt für den Schreiber, die Schreiberin, sich mit der Sprache auf ein Terrain zu begeben, das letztlich nicht verbalisierbar ist, es aber dennoch versuchen zu müssen. Und da das Erzählen von der unerklärlichen Liebe nicht selten ein Erzählen vom unerklärlichen Scheitern der Liebe ist, verdoppeln sich die Schwierigkeiten, dieses doch so allbekannte und dabei so unergründliche Phänomen in eine bündige Sprache und mitteilbare Bilder zu bringen.

Einschlägige Fachleute halten Verliebtheit für eine milde Form des Irrsinns. Verliebte sind Irre. Aber jeder, der einstmals zu diesen Irren gehört hat, wird bestätigen, dass das kryptische Gestammel und Geraune, mit dem Verliebte miteinander kommunizieren, die selbstverständlichste und beredteste Form des Austauschs ist. Der Satz "Ich liebe dich!" ist, semantisch gesehen, essentiell dürftig und für einen Nichtverliebten eher Unsinn. Aber jeder von uns erinnert sich an Momente, in denen eben dieser Satz das einzig Adäquate war und gesagt wurde, einfach heraus musste, ohne sich dabei im Mindesten unverstanden oder gar lächerlich vorzukommen.

Literatur und Liebe, das ist demnach eine vertrackte, komplizierte Sache. Manche behaupten, es gäbe in der gesamten Weltliteratur ohne dies nur etwa ein Dutzend echter Liebesgeschichten und damit hätte es sich; alles weitere wären nur die Variationen und Perpetuierungen des ewig Gleichen einschließlich der unsäglichen Abteilungen Triviales und Vulgäres, leider. Mit dem Aufkommen der Massenliteratur ist der "Liebesroman" zu einem Synonym für Kitsch geworden.

Und dennoch: trotz — oder gerade wegen? — all dieser Unwägbarkeiten, die sich dem Schreiben von Liebesgeschichten in den Weg stellen, ist der Reiz, es dennoch zu versuchen, groß. Woher käme es sonst, dass dieses Buch weitaus dicker geworden ist als seine beiden Vorgänger?

Das Gute an der Liebe ist: jeder kennt sie. Und jeder, auch wenn er nicht schreibt, erinnert sich an seine Liebesgeschichten, an Augenblicke mit Menschen, die von bedenkenloser Zuwendung erfüllt waren, die unanfechtbar bleibt, und von der gesagt werden darf: ja, das war es, da war ich nicht allein, da sind wir zusammengerückt, da habe ich etwas Großes erlebt, das Wunder, wie ich so vollkommen außer mir und zugleich so ganz und gar bei mir sein konnte. In einer einzigen so gelungenen Geste steckt schon mehr Glück, als wir verkraften können.

Um über die Liebe zu schreiben, etwas zu sagen, das über das interne Stammeln hinaus geht, bietet sich der Vergleich, die Metapher, die Allegorie an. Seit du bist wie eine Blume ist das so, und auch in den hier versammelten Texten ist das nicht anders. Jedes Mal muss das Erzählen von der Liebe neu erfunden werden, und selbst die bizarrsten Bilder können letztlich doch nur annähernd ausdrücken, was wir eigentlich meinen. Da ist jemand "gemalt wie von Picasso" oder Toulouse-Lautrec, da wird das Verspeisen von Früchten zum Bild für etwas ganz anderes, und ein Getreidemilchkaffee (den, soviel ich weiß, nicht nur Kellnerinnen hassen) zum Geheimcode.

Der Dichter, sagt Paul Valéry, produziert das, wonach es ihn verlangte. Er stellt etwas her, das imstande ist, ihm die Energie, die es ihn gekostet hat, zurückzugeben oder sogar noch mehr. Analoges gilt auch für die Rezeption von Kunst. Bleibt nur noch, diesem Buch viele vergnügte, nachdenkliche und angeregte Leserinnen und Leser zu wünschen.

Berlin, im März 2005

 

Organisator dieses Wettbewerbs war das Nachbarschaftszentrum RuDi in Kooperation mit dem Online-Magazin KultStral. Das Projekt wurde unterstützt und gefördert durch das Förderprogramm der Europäischen Union URBAN II. Eine Jury, deren Vorsitz vom früheren Bürgermeister des Bezirkes Friedrichshain, Helios Mendiburu, übernommen wurde, wählte die besten Beiträge aus, prämiierte sie und stellte die Preisträger in einem feierlichen Rahmen der Öffentlichkeit vor. Auf die Zusammenstellung dieser Anthologie hatte die Preisvergabe keinen Einfluss. Sie folgte den kompositorischen Prinzipien.

Über das Taschenbuch hinaus werden alle Beiträge im Online-Stadtteilmagazin KultStral (www.kultstral.de) veröffentlicht und so noch einem weiteren Kreis von Interessenten zugänglich gemacht werden.

Abschließend sei allen Dank gesagt, die am Wettbewerb und am Zustandekommen dieser Anthologie beteiligt waren. Das schließt auch diejenigen ein, die die Förderung dieses Projekts durch die Europäische Union und das Land Berlin ermöglicht haben.

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