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Kultur- und Nachbarschaftszentrum

Pressespiegel 2001

Das Jahr 2001

Berliner Abendblatt – 21. November 2001

Tango und Musette am Rudolfplatz

Siebtes Friedrichshainer Akkordeonfest

Friedrichshain. Wie vielfältig das Akkordeon ist, kann man am kommenden Wochenende im Turm der Oberbaum City und im "Rudi" erfahren. Den Auftakt machen Jean Pacalet aus Frankreich und das Manfred-Gustavus-Swing Quintett am Freitag, 23. November, um 19 Uhr.
Jean Pacalet ist für sein klassisches Akkordeon bekannt, die meisten seiner Stücke hat er selbst komponiert. Sie heißen "Landschaft unter dem Meer" oder "Berlin-Toccata". In seinem Heimatland hat er sich mit Film- und Theatermusik einen Namen gemacht. Er tritt im Turm der Oberbaum City auf.
Am Sonnabend ab 14 Uhr wird "Rudi", der Stralauer Kiezladen zum Konzertsaal. Zahlreiche Künstler werden hier zum Akkordeonfest aufspielen, das dank der Unterstützung durch die Oberbaumcity und die Unternehmensgruppe Wertkonzept stattfindet...


Berliner Abendblatt – 2. Oktober 2001

Modersohn-Brücke in Szene

Die Ergebnisse eines Fotowettbewerbs werden ausgestellt

Friedrichshain. Die Bauarbeiten an der Modersohnbrücke liegen in den letzten Zügen - und Friedrichshainer haben die Entstehung festgehalten. Mitte Auguust rief der "Kiezladen Rudi" einen Fotowettbewerb aus, eine Jury wählte in der vergangenen Woche die besten Brücken-Bilder. Bis Ende Oktober stehen die Ergebnsisse in Schaufenstern an der Modersohnstraße/Ecke Am Rudolfplatz.
Anne Helmer konnte sich unter allen Fotografen durchsetzen, ihr Bild mit dem Namen "Brückendämmerung" begeisterte die Jury. Gezeigt wird eine halbnackte Frau im Abendlicht, die Modersohn-Baustelle ist als großer Schatten im Hintergrund klar erkennbar. "Uns faszinierte die Idee, eine Baustelle mit etwas Ästhetischem zu verbinden. Die Brücke wurde aus einer ungewöhnlichen Sichtweise gut in Szene gesetzt", sagte Helmut Greif von der Jury. Für das Aktbild erhielt Helmer 50 Mark und einen Kalender über das historische Berlin.
Anne Helmer fotografiert seit einem Jahr, bisher nur in ihrer Freizeit. Sie würde gerne das Hobby zum Beruf machen, doch aller Anfang ist schwer. "Mit Fotografie Geld zu verdienen, ist sehr hart. Ich bin mit diesem Wettbewerb das erste Mal an die Öffentlichkeit getreten." Den Gewinn möchte sie in ihre Foto-Ausrüstung investieren.
Nicht nur ihr Bild entlockte der dreiköpfigen Jury einen Geldgewinn, Marius König auf dem zweiten Platz erhielt 30 Mark. Ernst Titel auf dem dritten Platz wurde mit 20 Mark entlohnt. Insgesamt nahmen elf Fotografen an dem Wettbewerb teil, alle Bilder stehen bis Ende Oktober in den Schaufenstern eines leer stehenden Restaurants, Modersohn/Ecke Am Rudolfplatz. cz


Neues Deutschland – 12. April 2001

Es wimmelt wieder von Bräuten

Cartoonist Heinz Jankofsky witzelt bei "RuDi", von Almut Schröter

Wütend richtet sich der Dirigent ans Publikum: "Die Sinfonie geht erst weiter, wenn die letzte Reihe aufhört zu schunkeln", hat Heinz Jankofsky darunter vermerkt. Man grient unweigerlich. Wird bald sogar bei Sinfonien im Takt mitgeklatscht? Wer weiß. 90 Jankofsky-Arbeiten unter dem Titel "Kerngesund und krankgelacht" sind bis 11. Mai bei "RuDi", dem Stralauer Kiezladen, zu sehen. Bei der Vernissage drängelten sich 70 Besucher.
Der Cartoonist hat nie von sich behauptet, ein politischer Karikaturist zu sein. Was er allerdings zeichnet, ist dan oft das, was von der Politik "unten" im Alltag so ankommt. Da sind ein Professor ohne Lehrstuhl, der Gartenmöbel streichen soll, die Toilettenfrau, die Sponsoren sucht, das Opfer der Bürokratie, ein großer Hund mit ABM-Stelle als Dackel, ein ausgesetzter Vierbeiner, der sich gefälligst anständig benehmen soll, falls ihn jemand losbindet. Oder - wahrscheinlich zu übertriebenen Aktionen von Tierschützern - eine Hühner-Demo vor der Goldbroiler-Gaststätte. Solche Situationen hebt der Zeichner auf die satirische Ebene des Berliner Mutterwitzes, die niemanden vordergründig bloßstellt. Deshalb mögen die Leute Heinz Jankofsky so. Und natürlich wimmelt es in der Schau von seinen Lieblingsmotiven: rundliche Bräute und Schwiegermütter, Katzen, Hunde und ulkige Vögel, die mit angezogenen "Knien" irgendwo am Rande sitzen.
Bei all dem herbeigeholten Frohsinn sieht es trotzdem mal wieder trübe aus um "RuDi", der vom Arbeitsamt Mitte gefördert wird. "Ich kopiere ein paar Zeichnungen, damit sie dort sehen, was man alles machen kann", sagt Kiezladenchef Eberhard Tauchert entschlossen. Warum nicht. Dann gibt´s mal was zu lachen.

"Bei mir ist es wie überall. Wenn mein Unternehmen einen Sponsor gefunden hat, kann es sofort losgehen!"


Neues Deutschland – 10./11. März 2001

In Berlin Stralau gibt es kein Kino, keine Galerie, keinen Lesesaal, lediglich von allem, ein bisschen

RuDi, der Kiezladen von Christina Matte

Rudi war Ritter. Nach ihm ist der Berliner Rudolfplatz benannt. Und vom Rudolfplatz wiederum hat der Laden seinen Namen: RuDi, der Kiezladen.
Der Chef heißt Eberhard, aber viele sagen Rudi zu ihm: In Renès Haarstudio glaubt man ja auch, dass einem Renè die Haare fönt, und Monis Boutique gehört eben Moni - das Muster ist vorgegeben.
Wenn Eberhard Tauchert Rudi genannt wird, gefällt es ihm, er sieht es als Ehre: Er ist der Laden, der Laden ist er. Natürlich korrigiert er den Schnitzer, denn er ist gelernter Lehrer, und man merkt es noch ein bisschen. Dass er vor zehn Jahren zum Tourismusmanager umschulte und sich mit Stadtgeschichte befasste, merkt man ebenfalls. Unter anderem daran, dass er erklärt, streng genommen sie ein Kiez eine Besiedlung außerhalb des gewachsenen Stadtorganismus, wo die lebten, die niemand haben wollte, weshalb der Kiez um den Rudolfplatz "im wissenschaftlichen Sinne gar keiner ist". Die Leute nennen ihn trotzdem so und Eberhard Tauchert weiterhin Rudi.
Der so genannte Stralauer Kiez erstreckt sich auf dem Areal zwischen Warschauerstaße und Markgrafendamm. Besser klingt: zwischen den beiden großen Entwicklungsgebieten Oberbaum City und Wasserstadt Rummelsburger Bucht. Das hört sich so an, als würde man sagen: Links neben mir wohnt ein Konzernchef, rechterhand ein Bankdirektor. Gute Nachbarschaft, gute Adresse. Oder wenigstens die Hoffnung, dass es eine werden könnte. Denn betuchte Anrainer dürften nicht scharf sein auf Schmuddelecken.
Im Stralauer Kiez gibt es Plattenbauten, die Mitte der 80er Jahre entstanden, Viergeschosser aus den 50ern und Veteranen aus der Zeit der vorigen Jahrhundertwende. Die meisten wurden rekonstruiert, ihr verhärmtes, schmutziges Grau ist Pastelltönen gewichen. Trotzdem riecht man es noch, das Grau. Es hockt vor der Plus-Kaufhalle und lauert in den dunklen Höhlen aufgegebener Geschäfte. Der Schuster hat das Handtuch geworfen, unlängst auch der Schreibwarenhändler. Der Textilladen überlebt mit dem Verkauf von Schürzen und Schlüpfern. Bäcker Schmidt bestückt seine Theke oft schon nachmittags nicht mehr, weil es sich nicht lohnt und er eigentlich schon gegen 16 Uhr schließen könnte.
Seit einigen Wochen gehört der Kiez zum vereinigten Stadtbezirk Friedrichshain/Kreuzberg. Wo er sich dort soziologisch einordnet, ist natürlich noch nicht erforscht, die Friedrichshainer Daten indes besagten die letzten Jahre lang dies:
Von elf festgelegten Lebensräumen bildete Stralau bei Einkommen und Beschäftigung stets das Schlusslicht. Viele von denen, die hier wohnen, hatten Arbeit im Glaswerk, im Osthafen, bei NARVA oder im EAW, nach 1990 nicht mehr. Einige fanden neue Jobs, andere sind inzwischen Rentner. Und etliche verließen den Kiez:
Von einst 6000 Bewohnern kehrten ihm 1200 den Rücken.
Dabei ist es rund um den Rudolfplatz hübsch. Dort bilden Kirche, Schule, Park und Kita ein richtiges kleines Zentrum. Es gibt türkische und asiatische Händler, vor deren Schaufenstern Kisten stehen, aus denen Paprika, Petersilie, Rapunzeln und Frühlingszwiebeln quellen. Dort liegt auch RuDis Kiezladen. Er hat fast alles, was Stralau sonst fehlt: Lesesaal und Galerie, Krabbelstube und Cafè. Freilich an verschiedenen Wochentagen und von allem nur ein bisschen.
Der Laden wurde in leerstehenden Geschäfts- und Wohnräumen eingerichtet. Man betritt ihn quasi durchs Wohnzimmer, von dort aus geht es in die Küche. Oder, den langen Flur entlang, vorbei an kleinen Büronischen in das zweite Wohnzimmer. Der Raum ist also recht beengt, zumal nur die Wohnzimmer mehr als zehn Leute fassen können. Da im hinteren Requisiten lagern, bleibt vor allem das Entree, um Gesellschaften auszurichten. Das ist es, was RuDi will: Hier sollen sich die Leute treffen, etwas Zeit mit einander verbringen, zusammen auch mal was erleben, selbst etwas auf die Beine stellen - und sich bei all dem auch noch bilden. Und so verändert das Wohnzimmer fast täglich, je stündlich sein Gesicht: Gerade noch Musikzimmer für musikalische Früherziehung, verwandelt es sich in einen Club, einen Tanzboden, eine Handarbeitswerkstatt, einen Salon, ein Sitzungszimmer. Anders gesagt: Die Mitarbeiter müssen ständig umräumen. Außer Eberhard Tauchert, der vor kurzem im Alter von 58 Jahren noch mal eine befristete feste Anstellung erhielt, haben alle sechs Mitarbeiter lediglich einjährige ABM. "Jeder von uns muss alles machen: Konzepte erstellen und Staubwischen. Und was wir hier anbieten können, hängt davon ab, was jeder einbringt, von seinen Spezialstrecken."
Als RuDi im Jahre ‚94 auf Initiative des Berlin-Brandenburger Bildungswerks seine Arbeit im Kiez begann, sollte der Laden die Jugend auffangen. Doch dann zog die Jugend um, RuDi öffnete sich allen Altersgruppen - jungen Müttern mit Kleinkindern, die sich hier mit Tipps aushelfen. Geschäftsfrauen, die Bauch und Po trainieren, Senioren und Seniorinnen.
Heute lädt RuDi zum "Frauenfrühstück". Verantwortlich ist Almut Armèlin, eine 59-Jährige, deren Pagenkopf jugendlich wippt. Sie hat Volkswirtschaft studiert. Später arbeitete sie im Akademie-Verlag, vor zehn Jahren wurde sie "abgewickelt". Nun brauchte sie nicht mehr zu arbeiten, aber sie will. Sie kämpft um jede ABM, "weil ich morgens immer noch ‚raus möchte".
Noch hat sie die Tafel nicht eröffnet. Die Frauen warten an kleinen Tischen. Sie sind durchweg über 50, picobello frisiert und gekleidet, als besuchten sie eine Theatervorstellung . Vor einigen Jahren, ganz am Anfang, so hat man Frau Armèlin erzählt, kamen noch jüngere Teilnehmerinnen. Sie glaubt, die fanden vielleicht wieder Arbeit. "Frauen gelingt das eher als Männern", weiß sie von früheren ABM, bei denen sie Untersuchungen zur Arbeitslosigkeit anstellte. "Man entlässt sie aber auch schneller. Man stellt sie für ein halbes Jahr ein, danach feuert man sie wieder."
Diese hier haben es hinter sich. Sie plaudern über Kinder und Enkel, umringt von kakaobraunen Gesichtern, fleischigen Pflanzen und leuchtenden Früchten. Fotos aus Samoa von Peter Joram, demnächst wird Heinz Jankowsky ausstellen.
Frau Armèlin bittet zu Tisch. Das Geschirr stammt aus dem Palast der Republik, die Tischdecke vom Gesundheitswesen. Alles andere ist zum Anbeißen frisch: Wurst und Käse, Hackepeter, Avocadocreme, Lachsschnitzel, Mangospalten, Granatäpfel. Das Buffet hat Angelika Grun gerichtete; eine gelernte Beiköchin. 20 Jahre lang arbeitete sie im Werk für Fernsehelektronik, jetzt ist sie ABM-Kraft bei RuDI. Sie träumt von einem eigenen Partyservice, "ich würde mir das zutrauen", sagt sie, "wenn ich nicht schon 49 wäre."
Gegen ein geringes Entgelt darf jede zulangen, soviel sie will. Doch allzu viel ist nicht bekömmlich, und alle warten auf Dr. Meyer. Derweil plaudern wir über den Kiez: Ooch, es ist schön hier, ist man sich einig, jeder kennt jeden, wie aufm Dorf, und wenn die Fenster zum Hof rausgehen, kann einem die Welt gestohlen bleiben. Wahrscheinlich muss man nur lange genug an einem Ort leben, um ihn zu mögen. Irgendein Grund findet sich immer.
Bewegung am Tisch, Dr. Meyer trifft ein. Er erzählt Anekdoten vom Apotheker: von Abführmitteln, Kamillentee, von Zäpfchen und Salmiakpastillen; je deftiger die Pointen ausfallen, um so lauter das Gelächter. "Hier wohnt nicht das Bildungsbürgertum", raunt mir Eberhard Tauchert ins Ohr, und Frau Armèlin flüstert mir zu: "Kein Frauenfrühstück ohne Thema."
Dr. Bernhard Meyer kommt gern her. Seit seine Frau im Kiezladen eine ABM hatte, steht er auf den Inventarliste. Er ist Medizinhistoriker, 1990 "abgewickelt". Hier referiert er zu vielen Themen, beispielsweise zu Preußens Geschichte. Tauchert beutet Ressourcen aus, er ist darauf angewiesen. Der kennt den und dieser jenen, der, nur freundlich genug gebeten, seine Talente bei RuDi einbringt. Hobbymaler und Fotografen, ausgesonderte Wissenschaftler sind bei RuDi feste Größen, und die Jugendgerichtshilfe schickt Jungs, die Stühle reparieren. Es grenzt an ein Wunder, was möglich ist, wenn Menschen gebraucht werden möchten. RuDi lebt von einer Subkultur, die nicht mit dröhnenden Bässen zertrümmert, sondern bewahrt und sich erinnert. Wobei schöne Erinnerungen zu 50 Prozent aus Vergessen bestehen.
Die Frühstücksrunde löst sich auf. Flugs wird die Tafel demontiert, in viele kleine Tische zerlegt. Angelika Grun hat für ihre Kollegen eine Kohlrübensuppe gekocht, nach dem Essen wird der Computerkurs für Interneteinsteiger beginnen. Zeitgleich trifft sich die Handarbeitsgruppe, ja, es werden Deckchen gehäkelt, und abends warten zwei Yoga-Kurse auf Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Das Angebot ist vielfältig, dabei natürlich streng marktorientiert: Die Idee eines Club-Kinos, in dem DEFA-Filme gezeigt werden, erwies sich nicht unbedingt als Renner, das Akkordeonfest dagegen, für das Tauchert sogar Stars aus der Profiszene gewinnt, ist über den Kiez hinaus ein Knüller. RuDi hat sich darauf eingestellt, dass vornehmlich reifere Jahrgänge seine Dienst in Anspruch nehmen, weshalb zum ständigen Programm kompetente Beratungen zu miet- und Rentenrecht gehören. Nachbarschaftshilfe wird organisiert, die beliebteste Aktion, eine Service- und Umtauschaktion, heißt "RuDi holt Telefonbücher", Und da Rentner nichts mehr als Ausflüge lieben, wird der Kleinbus vollgetankt, es geht quer durch die Stadt oder ins Umland, hauptsächlich zu Ausstellungen. Gewandert wird ebenfalls regelmäßig: Der Tourismusmanager Tauchert, der 30 historische Spaziergänge durch Berlin moderieren kann, lädt zu "Kieztouren spezial" ein; eine der letzten Wanderungen führte in die NARVA-Geschichte.
Historie - ein Schwerpunkt bei RuDi. Nicht, dass er bewusst gesetzt würde, doch irgendwie ergibt es sich immer. Vielleicht liegt das in der Natur der Dinge: Für Menschen, die nicht mehr ganz jung sind, ist Gegenwart nur ein Wimpernschlag, alles andere ist Geschichte. Seit dem Scheitern der DDR sind schon 50-Jährige alt, ehe sie es sich versahen, war auch ihr Leben abgehakt. Romane und Erzählungen, die, wäre es anders gelaufen, noch als Gegenwartsliteratur in den Bibliotheken stünden, sind heute historische Literatur, und ob RuDi nun "Preußens Luise" von Günter de Bruyn vorstellt oder Daniela Dahns neuen Band "Lebenszeichen aus einem gewesenen Land" - Geschichte, Geschichte, alles Geschichte.
RuDi begrüßt Elfriede Brüning. Der Laden ist, wie man sagt, knackevoll. Die 90-jährige Autorin, bei guter Gesundheit und bester Stimmung, liest aus ihren "Nachwendenotizen". Von dem Gefühl, nicht mehr schreiben zu können und davon, wie sie langsam begriff, dass es immer noch ihre Pflicht ist. Sie gibt die Geschichte des Wiedersehens mit Westvetter Berthold zum Besten. Der will sein Alteigentum zurück, ein Haus in der Nähe von Schönefeld, um es weiter zu veräußern. Als sie zu der Stelle kommt, wo Berthold erzählt, man habe ihm schon 200 000 Mark geboten, pufft aus den Mündern ein kreisrundes Staunen: Eine solche Summe liegt außerhalb jeder Vorstellung. Bei der Schilderung einer Kaffeefahrt seufzt man und nickt leiderfahren: So hat man es auch erlebt. Und als Elfriede Brüning fragt, was haben wir falsch gemacht, schaut man ratlos und bedrückt. Als müsste man elf Jahre danach nicht wenigstens einige Antworten wissen. Ach, möglicherweise weiß man sie ja, doch niemand hat Lust, darüber zu sprechen. Eine Frau dankt der Schriftstellerin, dass sie aufschrieb, was viele bewegt, aber so nicht ausdrücken können. Die Frau ist 57 Jahre, promovierte Chemikerin, deren berufliche Karriere mit 52 endete. Sie sagt, sie habe sich ihren Beruf sehr, sehr schwer erarbeiten müssen und ihn über alles geliebt, in der DDR würde sie ihn heute immer noch ausüben können. - Das Land mag gewesen sein, wie es will, es war das Land, in dem es ihr gut ging. Daran misst der Einzelne Geschichte, dieses Recht kann ihm keiner nehmen.
Auch Familie Scholz ist bewegt. Allerdings weit entfernt von Tränen, denn schlecht geht es Scholzens auch heute nicht. Sie möchten aber betont wissen, dass sie schon 63 sind und der Ruhestand wohlverdient ist. Als frühere Außenhändler befänden sie sich zudem im Vorteil: Sie können rechnen, und selbst wenn heute manche Begriffe anders sind, wissen sie doch genau, was Verlust ist: Verlust bleibt Verlust, in jedem System.
Erna und Hans Dietrich Scholz haben sich im Dezember `95 wirklich eine Eigentumswohnung im Stralauer Kiez gekauft! Sie hätten Verlust gemacht, wenn sie ihre Mietwohnung im Samariterviertel behalten hätten. Die Raten in Stralau sind niedriger als die einstige Monatsmiete, so dass sie nun einmal pro Jahr noch ganz locker verreisen können.
Ein schlagendes Argument für Stralau. Und weil sie sich hier wohlfühlen möchten, gründeten sie einen Bürgerverein. Erna ist wieder ausgetreten, denn anfangs "gab es keine Arbeitspläne", doch Hans Dietrich ist noch drin. Außer ihm noch 17 Leute, jeden zweiten Donnerstag kommen sie bei RuDi zusammen. Nicht umsonst, wie sich bereits zeigt: Bekanntlich soll eine Autobahn mitten durch Stralau gebaut werden, eine Abfahrt, sollte laut Plan durch die Persiusstraße führen und den Verkehr ins Stadtviertel leiten. Der Irrsinn ist erst mal vom Tisch. Jetzt drücken andere Probleme: Die Investoren der Oberbaum-City versprachen, auf einem Parkplatzgelände ein neues Wohnhaus zu errichten. Ein neues Wohnhaus bedeutet Zuzug, mehr Bürger, mehr Kundschaft für die Händler. Plötzlich soll nun statt des Hauses ein oberirdisches Parkhaus entstehen, der Bürgerverein wird sein Veto einlegen. Und sich um den Bahnhof Ostkreuz kümmern, "den meist frequentierten Bahnhof Berlins": Erna kann schon gar nicht mehr sehen, wie Mütter ihre Kinderwagen die Treppen rauf- und runterschleppen, da muss endlich was geschehen!
Dass RuDi den Bürgerverein behaust, macht Eberhard Tauchert beinahe glücklich. Mit dem Bürgerverein unterm Dach wird der freundliche Kiezladen zu einem Zentrum des Kämpferischen! Mitreden, gestalten - das ist es im Grunde, was Eberhard Tauchert, Frau Armèlin und viele andere noch möchten. Ihre Welt ist zum Kiez geschrumpft, doch RuDi ist immer noch ein Ritter.


Berliner Wochenblatt, Lokalzeitung – 07. Februar 2001

Hopsen wie eine Katze

Viel Spaß bei musikalischer Früherziehung im Kiezladen "Rudi"

"Kling-klang-klong" heißt der Kurs Musikalische Früherziehung im Kiezladen "Rudi", wenn Marga Deumig geduldig die Ukulele zupft. Kindertrampeln, Gesänge und Jauchzen begleiten sie. Während "Katze" Elena auf einem Bein hüpft, beweben sich nacheinander Igel, Hase und Hofhund um die Gunst ihrer Tanzpartnerin. Die heißen eigentlich Jakob, Jannick oder Amos und sind Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren.

"Endlich kann ich das machen, was mir als Kindergartenerzieherin in dem Maß unmöglich war", freut sich die heilpädagogische Musiktherapeutin Marga Deumig. "Aufgeweckte Talente kommen da in den Kurs", schwärmt die Rentnerin über ihre Schüler.

Die haben merklich Spaß, die Klänge von Zimbeln, Triangeln, Tambourin und afrikanischen Trommeln zu ergründen.

Für den zehn Veranstaltungen zählenden Kurs sind noch Plätze frei. Für die Teilnahme sind 70 Mark zu zahlen. Informationen beim Stralauer Kiezladen Rudi, Am Rudolfplatz 5, Tel. 292 96 03 oder unter www.rudi-kiezladen.de.

„Ostkreuz - Schreib-
wettbewerb 2002 bis 2016“

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